Tomatensuppe und Mary Shelley

Der Anlass für diesen Blog-Eintrag ist ein Teller Suppe. Oder besser gesagt, der Grund dafür, dass ich mir endlich die Zeit nehme, diesen Blog-Eintrag zu schreiben, ist ein Teller Tomatensuppe, der gestern versehentlich auf mir landete.

Seit gestern habe ich nämlich Urlaub. Nichts Besonderes, nur ein paar freie Tage. Ich war darüber nicht gerade glüklich. Ich habe zu viel zu tun, um mir so lange (drei ganze Tage!) freizunehmen; ich bin ja nur für eine begrenzte Zeit hier (mein Vertrag geht über ein Jahr) und ich bin verantwortlich für ein wichtiges Projekt. ‘Urlaub’ ist deshalb etwas, das mit meinen Plänen eher kollodidert und immer irgendwo in kleine Lücken zwischen Terminen und Tagesgeschäft gequetscht werden muss.

Ich arbeitete wie eine Verrückte, um alles Wichtige vor Verlassen des Büros zu erledigen, aber natürlich gelang mir das nicht ganz. Ich nahm deshalb einiges an Arbeit mit nach Hause. Nicht, um mich damit an den Schreibtisch zu setzen – nein, wie ‘im Urlaub’ fühlen wollte ich mich schon. Ich hatte geplant, mich damit in eines meiner Lieblingscafés zu setzen, nebenher einen Kaffee zu trinken und etwas Nettes zu frühstücken. Meine Arbeit macht mir nämlich wirklich Spaß, und es wäre auch nur ein wenig Korrekturlesen und Recherche für einen Artikel gewesen. In einem Café sitzend würde ich das weniger als ‘Arbeit’, sondern eher als angenehmen Zeitvertreib definieren.

Aber es sollte nicht sein. Ich hatte mich gerade gemütlich niedergelassen, meine Bestellung aufgegeben und meine Papiere auf dem Tisch ausgebreitet, als die Bedienung auch schon mein Frühstück brachte. Leider hatte sie auf ihrem Tablett auch einen Teller Tomatensuppe, der, als sie meine Waffel vor mich hinstellte, vom Tablett rutschte und seinen Inhalt auf den Tisch ergoss. Ein wenig Suppe landete auf mir. Das meiste landete auf meinen Papieren. Heiße. Tomaten. Suppe. Die ich nicht mal bestellt hatte.

Ich bin nicht ärgerlich. Wieso sollte ich auch? Es war ein Unfall, die Suppe wurde schnell und professionell so gut wie möglich beseitigt, und so ein kleines Missgeschick wird mich sicher nicht davon abhalten, wieder dort hinzugehen. Ich nahm es aber ganz klar als ein Zeichen. Ein Zeichen, WIRKLICH ein paar Tage freizunehmen. WIRKLICH abzuschalten, was ich nicht einfach finde. Aber das Zeichen war zu deutlich, um es zu ignorieren.

Ich wünschte nur, es wäre nicht gerade Tomatensuppe gewesen. Es stinkt, und die Papiere, obwohl inzwischen trocken, sehen aus als hätte sich jemand darauf übergeben. Kaffee wäre definitiv besser gewesen. Ich habe sehr viel Erfahrung mit Kaffeeflecken – seit Jahren trinke ich meinen morgendlichen Take-away-Kaffee auf dem Weg zur Arbeit und verschütte ihn auf meiner Kleidung. (Ich habe auch sehr viel Geschick darin, mir Kaffee in den Ausschnitt zu gießen, aber das ist eine andere Geschichte.) Jahrelange Erfahrung hat gezeigt, dass Kaffee keinen unangenehmen Geruch hinterlässt und dass Kaffeeflecken auf dunklen Stoffen so gut wie nicht zu sehen sind. Sie machen sich auch besser auf Papier – erwecken sie doch dort den Eindruck eines kreativen, künstlerischen, bohemien-haften Lebensstils. Das gleiche Argument lässt sich auf Tomatensuppenflecken schlecht anwenden…

Aber ich schweife ab. Nachdem die Entscheidung, meine Arbeit bis Montag einfach liegenzulassen, nun einmal getroffen ist, habe ich plötzlich ganz viel Zeit! Ein ganzes langes Wochenende liegt vor mir – und endlich habe ich den Kopf frei, mich hinzusetzen und den nächsten Blog-Eintrag zu schreiben! Die Idee dazu trage ich schon länger mit mir herum, aber dank des bisher verlässlich regnerisch-ekelhaften Wetters in Bournemouth hat sie nichts von ihrer Aktualität verloren.

Bournemouth's answer to NYs flatiron building

Bournemouths Antwort auf das Buegeleisenhaus in New York

Man sagt ja, dass man einen Ort am besten kennenlernt, wenn man/frau ihn sich erläuft. Ich laufe jetzt seit vier Monaten in Bournemouth herum, aber ich habe noch nicht wirklich ein Gespür für die Stadt. Es gibt hier viele interessant aussehende architektonische Details, vieles davon Art déco, und Seltsamkeiten, wie z.B. Bournemouths Antwort auf das New Yorker Bügeleisenhaus. Ich hoffe, ich kann irgendwann mit mehr Hintergrundwissen mehr über die Architektur in Bournemouth schreiben.

Wenn ich jetzt im Moment beschreiben sollte, was ich als für Bournemouth charakteristisch empfinde, dann würde ich sagen es fühlt sich so an als warte der Ort auf etwas. Vielleicht weil Bournemouth als Seebadeort nur während der Touristensaison wirklich zum Leben erwacht.

Wenn man sich die Fassaden hier genauer ansieht, fällt auf, dass viele davon abblättern. In Kombination mit dem seit ich hier angekommen bin dauerhaft feuchten Wetter strahlt das Ganze eine Atmosphäre bröckelnden Zerfalls aus, eine fast düstere (‘Gothic’) Romantik.

Mary Shelley's grave

Es wundert daher vielleicht nicht, dass Mary Shelley, Autorin der ultimativen Gothic Novel, Frankenstein, hier in Bournemouth bestattet ist, zusammen mit den Überresten ihres Mannes, des Dichters Percy Bysshe Shelley, ihren Eltern Mary Wollstonecraft und William Godwin, ihrem Sohn Sir Percy Florence Shelley und seiner Frau Jane.

Sie liegen auf dem Friedhof der Peterskirche, der der ältesten Kirche hier, umgeben von Nachtclubs, dem Mary Shelley Pub und dem Kaufhaus Beales. Kurz vor Mary Shelleys Tod hatte Sir Percy ein Herrenhaus in Boscombe erworben (über das ich bestimmt noch mehr schreiben werde, da es ein interessantes kleines Theater hat), in dem Mary Shelley jedoch nie gewohnt hat. Sie starb 1851 in London, nachdem sich ihr Gesundheitszustand über Jahre hinweg kontinuierlich verschlechtert hatte, im Alter von nur 53 Jahren. Eine Woche später wurde sie in Bournemouth bestattet.

Da sie den Wunsch geäußert hatte, mit ihren Eltern begraben zu werden, wurden diese aus London umgebettet. Zu einem späteren Zeitpunkt bestattete Sir Percy auch das Herz seines Vaters hier. Percy Bysshe Shelley war 1822 vor der norditalienischen Küste ertrunken und dort feuerbestattet worden, doch sein Freund Edward Trelawny hatte die Asche seines Herzens geborgen und aufbewahrt (in einer etwas aufgebauschteren Version der Geschichte schnappte sich Trelawny das halb verbrannte Herz seines Freundes direkt aus dem Feuer).

Grabbeschreibungen, St Peter's churchyard

Grabbeschreibungen, St Peter’s churchyard

So kommt es, dass die Autorin von Frankenstein ihre letzte Ruhestätte neben einer der wichtigsten frühen feministischen Schriftstellerinnen (umgebettet), dem Gründer des politischen Anarchismus (umgebettet) und einem der wichtigsten englischen Dichter der Romantik (nur Herz) fand.

Wenn ich an sie alle denke, söhnt mich das mit dem Wetter fast aus. Fast. Obwohl atmosphärisch korrekt, könnte es etwas wärmer sein. Ab und zu ein wenig Sonne wäre nicht schlecht.

Und kann es bitte aufhören zu regnen?

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Tomato soup and Mary Shelley

The reason I am writing this blog entry is a bowl of soup. Or better, the reason I am finally taking the time to write this blog entry is a bowl of tomato soup that was accidentally poured over me yesterday.

I am on annual leave since yesterday. Nothing special, no get away holiday, just a few days off. I wasn’t happy about it. I felt I had too much to do to take lots of time (three days!) off. I am only here for a limited period of time; my contract is only for a year and I have a big project to finish, so annual leave is something that almost gets in the way and has to be squeezed into the gaps where my calendar isn’t already full with meetings or to-do lists.

I was working frantically to get everything sorted before leaving the office. I didn’t quite succeed, so I took some of it home with me to work on it in the morning. Not at my desk, though. I did at least want to feel like ‘being on holiday’. The plan was to go to one of my favourite places, have a coffee and something nice to eat while working. I really enjoy what I do and it would only have been proofreading some stuff and reading through a few articles – research for a feature that is due soon – anyway. I’d hardly call it work, more a pleasant way to spend time alone in a café.

But it wasn’t meant to be. I had just settled down nicely, with my papers on the table, placed my order and waited for my food, which arrived within a few minutes. Unfortunately, the waitress was also carrying a bowl of tomato soup, and when placing my plate in front of me, the soup bowl slid of the tray and its contents splashed onto the table. A bit of it landed on me. But most of it landed on my papers. Hot. Tomato. Soup. Which I hadn’t even ordered.

I’m not angry. Why should I be? It was an accident and was dealt with swiftly. Staff was charming and a little mishap like this will certainly not keep me from going there again. But I most definitely took it as a sign. A sign to stop working and to REALLY have a few days off. To REALLY switch off, which is hard for me in any situation. But this was too clear a sign to ignore.

I just wish it hadn’t been tomato soup. It smells and the papers, although they have dried by now, look as if someone has been sick on them. Coffee would have been better. I am used to spilling coffee over myself, from years of carrying little take-away cups of coffee to work and some of the contents finding their way onto my clothing. (I am also quite skilled at pouring coffee down my cleavage, but that’s another story). From years of experience I know that coffee doesn’t leave any unpleasant smells and coffee stains do not really show on dark fabric. It is also easier to deal with coffee stains on paper. It almost looks bohemian, creative, arty. A hard argument to make for stains of tomato soup…

But I digress. After having made the decision to put work to one side and deal with it again on Monday, I suddenly have so much time! A whole long weekend stretching in front of me – and finally I feel I have the head space to sit down and write my next blog entry. The idea for it I have been carrying around for a long time, but thanks to the very reliably wet and unpleasant weather in Bournemouth so far it is still as current as two or three months ago.

Bournemouth's answer to NYs flatiron building

Bournemouth’s answer to NY’s flatiron building

Walking through Bournemouth, I am still trying to get a sense of the place. Bournemouth has many bits  of interesting looking architecture, a lot of it art deco, and quirky features, such as Bournemouth’s answer to the flatiron building in New York. I’d like to write about some of these buildings when I have learned more about them.

But there is also currently a sense of waiting about the place, maybe because as a seaside resort, Bournemouth will only truly come to life during the tourism season. If you look at some of the facades more closely, you’ll see a lot of them crumbling away. In combination with the wet weather that has been dominating more or less the entire time since I moved down here, Bournemouth to me exudes an air of crumbling decay of an almost Gothic quality.

It seems only fitting, then, that Mary Shelley, author of the ultimate Gothic novel, Frankenstein, is buried here, together with the remains of her husband, the poet Percy Bysshe Shelley, her parents, Mary Wollstonecraft and William Godwin, and her son, Sir Percy Florence Shelley and his wife Jane.

They have found their last resting place at St Peter’s Churchyard, which today is surrounded by nightclubs, the Mary Shelley pub and Beales department store. Not long before Mary Shelley’s death Sir Percy had bought a large manor in Boscombe, of which I will write more in a later post as it has an interesting little theatre attached to it. However, Mary never lived here. She died in London, after a long period of declining health, aged only 53, and was buried in Bournemouth a week later.

Mary Shelley's graveShe had wanted to be buried with her parents, so Mary Wollstonecraft’s and William Godwin’s remains were transferred from London to Bournemouth.

At some later point, Sir Percy also buried the ashes of his father’s heart here. Percy Bysshe Shelley had drowned in 1822 in Northern Italy. His body was cremated there, but the ashes of his heart were preserved by his friend Edward Trelawny (or – if you want to believe the more bashful version of the story – Trelawny snatched Shelley’s heart from the pyre before it burned).

Description of graves at St Peter's churchyard

Description of graves at St Peter’s churchyard

So the remains of the author of Frankenstein are laid to rest next to those of one of the most important early feminist writers (re-interred), the founder of political anarchism (re-interred)  and one of England’s major Romantic poets (heart only).

Thinking of them almost makes me feel reconciled with the weather. Almost. Atmospheric though it is, it could be a bit warmer. Sunshine more often would be nice as well. And I would love the rain to stop.

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